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Warum bieten Franziskaner Zen-Kurse an?


„Im Jahre des Herrn 1977 – im Jahr nach dem 750. Jubiläum des Heimgangs unseres heiligen Vaters Franziskus – im 317. Jahr der Gründung dieses Klosters – legen wir den Grundstein dieser Meditationskapelle. Möge dies ein Ort sein, wo die Menschen unserer Zeit finden, was sie so sehr suchen: Stille, Verinnerlichung, Gott.“
 
Die auf Pergament geschriebene Urkunde zur Grundsteinlegung unserer Zenhalle gibt eine deutliche und klare Antwort auf die zu beantwortende Frage: „Die Menschen mögen Gott finden.“
Seit 27 Jahren versuchen wir Franziskaner in Dietfurt auf der Grundlage unseres christlichen Glaubens und unserer franziskanischen Spiritualität den Zen-Weg zu gehen und Menschen anzuleiten auf dem kontemplativen Weg, d.h. sie in die Stille zu führen, damit sie mit sich selbst und ihrem tiefsten Wesen in Berührung kommen und neu gestärkt, geordnet, zentriert und motiviert in ihren Alltag zurückkehren.
Für viele sinn- und gottsuchende Menschen ist Dietfurt ein Modell, ein exemplarischer Ort der Begegnung von westlicher und östlicher Spiritualität.
Die Praxis des Zen und der Kontemplation (ich gebrauche diese Begriffe synonym)
hat zwei Pole: Da ist  erstens die konkrete Übung – alle Gedanken, Gefühle, Vorstellungen, Bilder zu lassen, einfach zu sitzen und sich immer neu dem „nackten Sein“ hinzugeben ( ist das nicht höchste Armut in franziskanischer und biblischer Bedeutung! )
Und da ist zweitens die Einordnung der mystischen Erfahrung (diese wird von autorisierten Zen-Lehrern geprüft!) in unsere vorausgehende christliche Lehre, d.h. sie zu verankern in den Grundwahrheiten des christlichen Glaubens.
Hier ist ein sorgfältiger und vorsichtiger Umgang mit den sprachlichen Ausdrucksformen geboten. Gerade weil die mystische Erfahrung nicht mehr in  Worte und Bilder zu fassen ist und sich jeder begrifflichen Definition entzieht, so ist dennoch der sprachliche Ausdruck nicht gleichgültig.
Um es im bekannten Bild des Zen zu formulieren: Der Finger, der Mond zeigt, ist nicht der Mond. Doch er ist dem Mond nicht so fremd, dass er völlig überflüssig wäre.
Es ist sehr wichtig, wohin der Finger zeigt – darüber muss diskutiert und gerungen werden: Zunächst innerhalb des Christlichen (zwischen Mystik und Dogmatik) und dann auch zwischen Christentum und Buddhismus. Wir stehen in diesem Prozess mitten drin. Der interreligiöse Dialog (besonders auch der christlich – buddhistische Dialog) ist wohl das Kennzeichen der Religionsgeschichte des 20./21. Jahrhunderts.

Wir Christen lernen am anderen d.h., die Wahrheit, die sich im Glauben des anderen findet, kann die Wahrheit unseres eigenen Glaubens bestätigen, bereichern und womöglich  auch korrigieren bzw. modifizieren, was bei einem echten dialogischen Lernprozess möglich ein sollte.

Lassen Sie mich an dieser Stelle zur ursprünglichen Fragestellung zurückkommen. Das franziskanische Erbe hat uns viele Schätze hinterlassen. Von diesen Schätzen möchte ich zwei besonders herausgreifen, die m. E. zu den großen Zukunftsherausforderungen gehören: Spiritualität und Solidarität.

Was die Spiritualität betrifft, so nimmt die Kontemplation im Leben des hl. Franz eine zentrale Stellung ein. Auf der innigen Gottesbeziehung baut sich sein Leben auf, sie ist das eigentliche Geheimnis seiner Person, die Quelle aus der er schöpft. Auch der Leib in sein Beten mit einbezogen. Aus diesem „Eintauchen in Gott“ kehrt er in die Welt zurück – alle Geschöpfe werden ihm zum Abbild Gottes, die Menschen sind ihm Geschöpfe des gleichen Vaters und darum seine Geschwister. Er entdeckt die Einheit des ganzen Kosmos „Gott alles in allem“ (1Kor. 15,28). Gott ist heilige Einheit (von Mensch und Gott, Zeit und Ewigkeit, Leben und Tod), Gott ist Gegenwart (Jahwe: Einheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) – dies ist die Essenz der christlichen Mystik. Mehr noch: Es ist der Kern und das Herz der christlichen Religion – ja, es ist das Herz aller Religionen.

Ich erinnere mich, wie es mir bei der Lösung des Koan „Die Korallenäste reflektieren den Mond“ wie Schuppen von den Augen fiel: Mit dankbarem Erstaunen offenbarte sich mir die ganze franziskanische Weltsicht,  wie sie sich verdichtend im Sonnengesang Bahn bricht.  „Ut in omnibus videatur deus“, sagt der hl. Bonaventura in seinem Werk Itinerarium mentis in deum. Im  anschließenden langen Mondo (Dialog zwischen Schüler und Meister) erhellte sich mir diese Schau auch rational – der Erleuchtete muss alle Dinge durchgehen, überschreiten, um so in das große Geheimnis Gottes hineingenommen zu werden. “Gott offenbart sich in allem, was ist“ ( „in“, „videatur“), doch sollte man, wie mein Lehrer mit Nachdruck betonte, vor dem Wort „deus“ schweigen.
Auch der Buddhismus bezeugt eine Kenntnis jener Wirklichkeit, die wir Gott nennen. Es gibt im Buddhismus eine alles bedingte und vergängliche Sein transzendierende
Realität, dessen Existenz als Vorraussetzung für die Erlösung gilt und die in der Verwirklichung der  Erlösung erfahren wird.
 
Die kontemplative Erfahrung macht Franziskus zum „solidarischen Bruder“. Der Zen spricht hier vom Bodhisattva –Ideal. Ist es zu weit hergeholt von Franziskus dem idealen Zen-Mönch zu sprechen und seine Biographie als authentische Zen-Biographie zu betrachten? Es nimmt jedenfalls nicht Wunder, dass kaum einem anderen Heiligen der katholischen Kirche von zen-buddhistischer Seite eine derartige Wertschätzung und Verehrung zuteil wird wie dem hl. Franz von Assisi.
Wir in Dietfurt bieten einen Ort, wo Menschen mit Hilfe der Zen-Übung das finden können, was sie so sehr suchen: Eine Ursprungserfahrung (keine Lehre), ein Fenster zur Transzendenz, die Quelle des Lebens, die Förderung ihrer Glaubensenergie.

Dieser Ort ist deshalb auch besonders wichtig, weil wir in einer Kultur ( oder besser  Unkultur: schnell, überfordernd, angstbesetzt, entsoldarisiert) leben, die für viele Menschen immer mehr fragwürdig, unerträglich und sinnarm wird. Die Menschen, die zu uns kommen, laufen nicht davon, suchen nicht das Weite (die Flucht in die Arbeit, Drogen, psychosomatische Krankheiten, Sekten etc.), sondern die Weite (das „torlose Tor“, die „enge Pforte“). Auffällig dabei ist, die neue Spiritualität kommt aus der Säkularität. Ihr „Gotteshunger“ führt diese Menschen nicht in die offizielle Kirche, die sich immer für diesen Bereich verantwortlich wusste – zu sehr leben wir in einer spirituell  armen  Kirche (das hat schon Karl Rahner festgestellt).

Jetzt nochmals zu unserer Ausgangsfrage: Die Verbindung von Franziskus und den Bodhisattvas, von Kontemplation und Zen ist eine Weise, zu bewahren oder zu gewinnen, was das lebendige Dasein des Menschen ausmacht – die Wirklichkeit Gottes zu gewahren und aus ihrer einzig im Schweigen sich erschließenden Wahrheit sich selbst und die Welt zu sehen und zu gestalten.
 
P. Johannes Messerer  geb. 1954  
seit  1980 Fanziskaner
Leiter des Meditationshauses in Dietfurt bis August 2007
 
 

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