Geschichte des Meditationshauses

Als das Meditationshaus St. Franziskus am 27. Dezember 1977 von dem damaligen Bischof Dr. Alois Brems aus Eichstätt und Pater H. M. Enomiya Lassalle S.J. eingeweiht wurde, begann ein neues Kapitel in der mehr als dreihundertjährigen, wechselvollen Geschichte des Franziskanerklosters in Dietfurt. Damals konnte man noch nicht wissen, ob die Idee, in einem christlichen Kloster Zenmeditation und andere asiatische Meditations- und Übungsformen anzubieten, die Menschen erreichen und ob eine Integration in den christlichen Glauben gelingen würde. So manche Vorbehalte und zweifelnde Stimmen gab es.

Der Gedanke an ein solches Vorhaben kam den Brüdern, als sie im Jahr 1974 eines Abends zusammensaßen und darüber diskutierten, wie man der Meditationswelle, die von Indien kommend die westlichen Länder erfasst hatte, ein eigenes Angebot entgegensetzen könnte. Hatte nicht auch der Hl. Franziskus zu seiner Zeit den interreligiösen Dialog gepflegt? Zog er sich nicht auch immer wieder in die Stille zurück, um die Gegenwart Gottes intensiver zu erleben? Haben nicht wir Franziskaner uns der außerordentlichen Seelsorge verpflichtet? Auch bei uns Christen hat es einmal eine kontemplative Tradition gegeben. Schon von den Wüstenvätern und den christlichen Mystikern des Mittelalters war die Kontemplation und Meditation gepflegt worden, später jedoch in Vergessenheit geraten. Die Menschen, die zu östlichen Gurus eilten, suchten nach einer spirituellen Erfahrung, die sie in der Kirche nicht mehr zu finden glaubten. Ein Anliegen, das aus der tiefen menschlichen Sehnsucht, den Sinn des Lebens zu finden, erwächst. Hier müssten doch auch wir als christlicher Orden Antwort geben können, so überlegten sie.

Pater Viktor, der eigentliche Gründer des Meditationshauses, reiste damals schon durch das Land, um Meditationskurse zu halten. In Budapest war der gebürtige Ungar 1949 verhaftet und zu Unrecht zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Im Gefängnis lernte er einen Schüler von Ramana Maharshi kennen, der ihn in der Meditation unterwies. Nach dem Ungarn-Aufstand 1956 und der Flucht in den Westen drängte es den Maschinenbauingenieur zu einem spirituellen Leben.

1967 wurde er in die bayerische Franziskanerprovinz aufgenommen und 1972 zum Priester geweiht.

Als die Brüder 1974 überlegten, was man tun könnte, gab es noch keinen konkreten Plan. Doch hier kam ihnen ein glückliches Geschick zur Hilfe. Pater Viktor begegnete dem Jesuitenpater Enomiya Lassalle, der die Zenmeditation in den Westen gebracht hatte. Pater Lassalle war 1929 als Missionar nach Japan gekommen, wo er mit Zen-Mönchen in Kontakt kam, deren tiefe Religiosität ihn beeindruckte. Später, er hatte 1945 den Atombombenabwurf in Hiroshima überlebt, nahm er selbst an Zen-Kursen teil. Er erkannte, dass hier ein Weg religiöser Tiefenerfahrung gegeben war, der die christliche Spiritualität im Westen befruchten konnte. Schließlich kam Pater Lassalle zu Yamada Koun Roshi nach Kamakura, dem spirituellen Leiter des Sanbo-Kyodan, einer Zen-Laienvereinigung, die ihre Wurzeln in der Soto-Schule hat. Yamada Koun Roshi hatte die damals in Japan keineswegs selbstverständliche Offenheit und Weitherzigkeit, Priester einer anderen religiösen Tradition im Zazen zu unterweisen. Ausdrücklich betonte er, dass Zen ein Erfahrungs-Weg ist, der zum Urgrund der eigenen Religiosität führen kann. „Du musst verwirklichen, dass Christus in Dir ist", sagte er zu Pater Lassalle.

Als Pater Viktor Löw dem Jesuitenpater Lassalle begegnete, reiste auch dieser von Kloster zu Kloster, um Meditationskurse abzuhalten. Beide Priester und späteren Zen-Meister teilten eine Vision, den Traum, ein eigenes Haus zu haben, um den Menschen auf ihrer Suche nach tieferer Erfahrung - gleich welcher Religion sie sich zugehörig fühlten - eine geistliche Heimat zu bieten. Was konnte da besser sein, als ein solches Zentrum innerhalb eines christlichen Klosters anzusiedeln? So nahm die Vision dieser beiden Menschen schließlich Gestalt an. Konkrete Pläne wurden gemacht, der Provinzleitung vorgelegt und schließlich 1977 der Grundstein gelegt. Eine harmonische Meditationshalle im japanischen Stil wurde errichtet und das ehemalige Noviziats-Gebäude zu einem Gästehaus erweitert. Im Dezember 1977 konnte das Meditationszentrum als das erste seiner Art in Europa eingeweiht werden, und 1978 wurde mit der Kursarbeit begonnen.

„Ich will sitzen und schweigen und hören, was Gott in mir rede", sagte einst Meister Eckehart. Zazen, das Sitzen im Schweigen, ist auch das Herzstück des Zen-Weges. Mit dem Seelengrund, der eigenen Tiefe in Berührung zu kommen und so die wahre Heimat finden, ist sein Ziel.

Seit nunmehr über 30 Jahren kommen Tausende von Menschen nach Dietfurt, um an den Kursen teilzunehmen. Außer der Zen-Meditation und der christlichen Kontemplation gibt es Kurse in Ikebana, Qi Gong, T'ai Chi Ch'uan, Sakralem Tanz, Musikmeditation und Nuad Phaen Boran. Anerkannte Lehrer und Meister aus Europa und Asien unterrichten hier neben den Patres des Hauses. Täglich wird in der kleinen Kapelle im Meditationsbereich eine Eucharistiefeier auf freiwilliger Basis angeboten, die stets großen Zuspruch findet. Nicht wenige Kursteilnehmer haben durch die Wirkung der Zen-Meditation die Eucharistiefeier neu erlebt und ihren Glauben vertiefen können oder wieder Zugang zum christlichen Glauben gefunden, den sie verloren glaubten. Viele Menschen finden hier ihre geistige Heimat. Hierhin kehren sie zurück, um zur Besinnung zu kommen und neue Kraft für ihr Leben im Alltag zu schöpfen.

Heute, wo viele Klöster ums Überleben kämpfen, ist das Meditationshaus St. Franziskus mit seinen Kursen zum Stützpfeiler für das Franziskanerkloster in Dietfurt geworden. Auch von den Bürgern, denen „ihr Kloster" schon immer am Herzen gelegen hat, ist es angenommen worden. Wenn die Kursteilnehmer am Sonntag nach dem Oster-Sesshin gemeinsam mit den Dietfurter Bürgern in der Klosterkirche die Ostermesse feiern, so ist dies ein Zeichen, dass sich die Vision der beiden Väter des Meditationshauses mit Leben gefüllt hat und ungebrochen weiterlebt. Es hat sich bewahrheitet, was auf Pergament geschrieben in einem Kupferbehälter bei der Grundsteinlegung im Fundament eingemauert wurde: „Möge dies ein Ort sein, wo die Menschen unserer Zeit finden, was sie so sehr suchen: Stille, Verinnerlichung, Gott!"